Mittwoch, Juli 06, 2016

Tinder und Co - Sex to go oder die wahre Liebe?



Tinder, Spottet, Lovoo und Co sind heutzutage nicht nur in aller Munde sondern auch auf fast jedem Handy. Bis vor einem halben Jahr waren mir diese Apps noch Fremdwörter, doch als ich am zweiten Weihnachtstag plötzlich alleine da stand, dacht ich Wochen später nur "warum denn nicht". Gesagt, getan. Das Tinder Experiment konnte beginnen..



Was mich genau dazu getrieben hat kann ich nicht wirklich sagen. Die Suche nach Bestätigung, das Bedürfnis nach Liebe oder einfach nur Ablenkung. Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Überraschender Weise stellt ich fest, dass ich nicht die einzige war, die sich dort herumtrieb und tinderte was das Zeug hielt. Das Hin und Herwischen nach dem Top oder Flop Prinzip machte mir nicht nur Spaß, sondern entwickelte sich schon fast zu einer kleinen Sucht. Mal rechts Hot, Links Flop nach dem Aufstehen, vor dem Schlafengehen, beim warten auf die Bahn oder wenn es mir gerade nicht gut ging. Komplimente auf Knopfdruck, nette Gespräche und die Bestätigung dafür, dass ich durchaus gewollt bin.

Wo Licht ist, ist jedoch auch Schatten, denn es treiben sich eine Menge schwarze Schafe rum, die nicht nur auf Sex aus sind, sondern dies direkt in den ersten 2 Sätzen erwähnen. Diese Art schockierte mich anfangs sehr, aber es stellte sich schnell heraus, dass genau das die Intention von ca 90 % der Nutzer ist. So etwas Intimes und Besonderes wird durch Apps wie diese nicht nur herabgewertet, sondern vor allem austauschbar gemacht. Klappt es mit der nicht, nehm ich halt die Nächste. Frei nach dem Motto "andere Mütter haben auch schöne Töchter!".

Früher oder später stellt sich natürlich die Frage "Wollen wir uns nicht Treffen?". Nur schreiben genügt ja schließlich nicht. Also wagte ich mich zu meinem ersten Blind-Date und es war, wer hätte es gedacht, ein totaler Reinfall. Diese Einstellung "der/die Nächste wartet schon auf Tinder" ließ uns ganz anders an die Sache heran gehen. Ich konnte richtig spüren, dass er sich nicht sehr viel Mühe geben wollte, was mir auch in die Karten spielte, denn ich wollte die Bar schnellstmöglich verlassen. Ohne Ihn. Date Nummer 2 war insgeheim vergeben was mein Weltbild schlussendlich ein wenig zerstörte und mich zu Erkenntnis führte, dass dies ein Ort der Laster und des Vergnügens ist und nicht der an dem man seine große Liebe findest. Es ist ein Bazar, der sich auf dein Äußeres beschränkt und auf dem du nur als austauschbares Objekt der Begierde gesehen wirst. Der Generation beziehungsunfähig wurde ein neues Instrument an die Hand gegeben, das durch seine Einfachheit punktet.

Doch dann wurde ich eines besseren belehrt.

Das dritte und letzte Tinderdate hatte es in sich... Was begann wie die anderen beiden, nahm eine schnelle Wendung. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge und lachten und genossen die Zeit miteinander. Im Hinterkopf stellte sich allerdings die Frage "was will er? ist er wie die anderen?". Meine Tindererfahrungen standen mir also plötzlich im Weg. Dieses lockere "den Moment leben" stellt mir also tatsächlich das Bein. Ich genoss die Zeit mit ihm und fühlte mich glücklich wie schon lange nichtmehr, doch in meinem Hinterkopf erinnerte mich meine innere Stimme immer daran, dass ich austauschbar bin und er wahrscheinlich nur ein kurzes Vergnügen sucht. Zwiegespalten wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht was ich tun sollte und entschied mich dafür die Zeit zu genießen, aber die Sache nicht zu ernst zu nehmen.

Also tinderte ich fröhlich weiter und verpasste den Moment mich abzumelden und mich vollkommen auf ihn einzulassen. Meine Zweifel zerstörten nicht nur mich, sondern auch unsere Beziehung, denn ich hatte nicht gemerkt, dass ich mehr für ihn war. So versteift war ich auf den Gedanken, dass alle Tinderbekanntschaften gleich sind und ich austauschbar. Diese Gedanken gingen so weit, dass ich verdrängte was mir bereits nach unserem ersten Date klar wurde, dass er der eine Mensch sein könnte mit dem ich lachen und weinen möchte, mit dem ich schöne Dinge erleben, aber auch harte Zeiten durchstehen will und vor allem derjenige der mich glücklich macht. Streit zerstörte uns mehr und mehr und jegliche Versuche der Versöhnung endeten früher oder später in einem neuen Streit. Wer der Schuldige war, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war es meine Fassade der Lockerheit die keinerlei Gefühl an sich ran ließ und mein Misstrauen ihm gegenüber.

Heute sitze ich hier, Tinder hat seit Wochen einen User weniger und ein weiteres Herz gebrochen. Den Einfluss einer so banalen App total unterschätzt, habe ich vielleicht meine große Liebe verspielt. Ob ich warte oder kämpfe, weiß ich nicht, aber eins ist mir nun mal wieder bewusst geworden.

Häufig merkt man erst wenn man etwas verliert, wie wichtig es doch tatsächlich ist.

Kommentare:

  1. Ich habe eher männliche Bekannte, die diese App nutzten und ich kann bestätigen, dass es in erster Linie um das Vergnügen geht. Ich denke, dass es eher nur zufällig mehr werden kann. Wo habt ihr euch kennengelernt? Über Tinder möchte wohl niemand gerne antworten, weil man einfach ein bestimmtes Bild von der App hat. Deswegen kann ich deine Reaktion verstehen, auch wenn es hätte vielleicht hätte doch mehr werden können.

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    1. Ja, da hast du absolut recht. Ich hatte auch zu ihm gesagt, dass wir einfach sagen wir hätten uns im Park oder so kennengelernt. Weil das einfach ein sehr komisches Gefühl ist, dazu zu stehen sich über eine dämliche App kennengelernt zu haben, bei der etwas ganz anderes im Vordergrund steht.

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